Frauenberufe im alten Wien: von der Handwerkerin bis zur Lehrerin

Die Geschichte der Frauenarbeit in Wien ist eine Erzählung von Vielseitigkeit und ständigem Kampf gegen soziale Einschränkungen. Historisch gesehen spielten Frauen eine bedeutende Rolle in der häuslichen und handwerklichen Produktion, in Bereichen wie Nähen, Spinnen, Waschen und Putzen, aber auch im Verkauf von Waren auf dem Markt und in der Pflege. Über Jahrhunderte hinweg begrenzten patriarchale Normen und strenge Zunftregeln die beruflichen Möglichkeiten von Frauen. Mit dem Einsetzen der Industriellen Revolution im 19. und 20. Jahrhundert begann sich die Situation jedoch grundlegend zu verändern. Mehr dazu auf vienna1.one.

(Arbeiterinnen einer Dekorationsfabrik, 1910, Technisches Museum Wien)

Die Evolution weiblicher Berufe in Wien

Im frühneuzeitlichen Wien, vor dem 19. Jahrhundert, konzentrierte sich die Berufswelt der Frauen hauptsächlich auf häusliches Handwerk. Frauen beschäftigten sich mit Spinnen, Sticken und anderen Handarbeiten, die zu Hause oder auf Bestellung ausgeführt wurden. Ein großer Teil der Frauen arbeitete als Dienstmädchen in den Haushalten reicher Bürger und der Aristokratie. Zu den weiteren wichtigen Rollen zählten Hebammen und Markthändlerinnen. Es ist zu betonen, dass die Handwerkszünfte den Arbeitsbereich streng kontrollierten und Frauen oft direkt verboten, bestimmte Berufe offiziell auszuüben, oder ihre Teilnahme stark einschränkten, was erhebliche soziale und rechtliche Barrieren schuf. Dazu gehörten Schneiderinnen und Weberinnen.

(Unterricht in Klöppelspitze, Technisches Museum Wien)

Die durch die rasche Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verursachten Veränderungen waren grundlegend. Das Wachstum der Fabrikproduktion führte zu einem Massenübergang von Frauen aus den heimischen Werkstätten in Textil- und Nähereien sowie in die Lebensmittelindustrie. Gleichzeitig stieg die Zahl der Hausangestellten (Dienstmädchen) rapide an, die eine ganze soziale Schicht der „Gesinde“ bildeten.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts und die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg markierten eine wesentliche Erweiterung des beruflichen Horizonts. Frauen begannen massiv, neue „White-Collar“-Berufe zu ergreifen und wurden Telegraphistinnen, Schullehrerinnen und Krankenschwestern. Parallel dazu verstärkte sich ihre gewerkschaftliche und politische Aktivität, insbesondere im Rahmen der sozialdemokratischen Bewegung. Die Ära des „Roten Wien“ (1919–1934) wurde zu einer Zeit der politischen Maßnahmen zum Schutz der Frauenarbeit, als die Stadtverwaltung aktiv die Erforschung der Arbeitsbedingungen unterstützte und Sozialpolitiken zur Verbesserung ihrer Lage einführte.

(Arbeiterinnen in einer Fabrik, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts)

Die Vielfalt weiblicher Berufe im alten Wien

Die Arbeitslandschaft der Wiener Frauen in früheren Zeiten war in mehrere Schlüsselbereiche unterteilt, die sowohl jahrhundertealte Traditionen als auch die raschen Veränderungen durch Industrialisierung und sozialen Fortschritt widerspiegelten. Die häusliche und haushaltsbezogene Arbeit blieb die massivste Form weiblicher Beschäftigung. Das Phänomen der Dienstmädchen in Privathaushalten wurde zu einem bedeutenden sozioökonomischen Phänomen, das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts existierte. Diese Arbeit – Putzen, Kochen und Kinderbetreuung – war die Hauptbeschäftigungsform für Analphabetinnen oder Geringqualifizierte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein wichtiger Platz kam auch dem Pflegesektor zu, in dem Ammen und Kindermädchen (Nannies) arbeiteten, deren Arbeit offiziell angestellt und in der Großstadt dringend notwendig war.

Der Textil- und Nähsektor galt traditionell als weiblich dominiert. Schneiderinnen, Spinnerinnen und Stickerinnen arbeiteten oft zu Hause und erhielten eine magere Vergütung für anstrengende Handarbeit. Trotz der geringen Bezahlung blieb dieser Sektor einer der wichtigsten nach der Anzahl der beschäftigten Frauen in Wien. Studien von Soziologen wie Käthe Leichter sammelten Zeugnisse Tausender solcher Arbeiterinnen, was die Bedeutung dieser Schattenwirtschaft unterstrich.

Das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts brachten das Wachstum neuer Berufe mit sich, die eine grundlegende technische Ausbildung erforderten. Das Aufkommen von Telegraphistinnen, Telefonistinnen und Büroangestellten ebnete den Weg zur bezahlten Lohnarbeit für Frauen der Mittelschicht. Diese Berufe waren so auffällig, dass sie sogar auf der Weltausstellung 1873 präsentiert wurden und den Übergang zu einer modernen Wirtschaft symbolisierten.

(Separater Pavillon der Frauenarbeit auf der Weltausstellung 1873 in Wien, Technisches Museum Wien)

Die Bereiche Gesundheitswesen und Bildung wurden historisch und evolutionär zu wichtigen weiblichen Domänen. Hebammen übten über Jahrhunderte eine medizinische Rolle aus, oft streng staatlich reglementiert. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Arbeit von Krankenschwestern notwendig, deren Rolle während Kriegen und Epidemien kritisch wurde. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Schullehrerinnen und Kindergartenpädagoginnen, was eine direkte Folge der Bildungsreformen und der Popularisierung der Frauenbildung war. In der städtischen Wirtschaft nahmen Marktfrauen und Greisslerinnen einen bedeutenden Sektor ein, die das Rückgrat des lokalen Einzelhandels bildeten.

Auch im Unternehmertum zeigten Frauen Aktivität, indem sie als Gastgeberinnen kleiner Hotels, Wirtinnen oder Ladenbesitzerinnen auftraten und oft das Familienunternehmen fortführten. Man darf jedoch die Randbereiche nicht ignorieren: Prostitution war ein ständiges soziales Phänomen der Großstadt und wurde oft zur tragischen Folge extremer Armut und des Fehlens jeglicher anderer Überlebensalternativen.

Soziale Herausforderungen und der Preis der Frauenarbeit

Historisch war die Frauenarbeit in Wien durch ungleiche Bezahlung, zermürbend lange Arbeitszeiten und gefährliche Bedingungen belastet, insbesondere in der Heimarbeit und in Fabriken. Frauen mussten ständig zwischen beruflichen Pflichten und familiären Rollen jonglieren, was ihnen eine doppelte Last an Verantwortung auferlegte. Diese Probleme und unbefriedigenden Arbeitsbedingungen wurden von der Soziologin Käthe Leichter, deren Arbeit Licht auf die sozioökonomischen Realitäten der Wiener Arbeiterinnen warf, sorgfältig dokumentiert und erforscht.

Eine gesonderte Herausforderung stellte die Situation für spezielle soziale Gruppen dar, deren berufliche Lage durch Herkunft und Umstände zusätzlich erschwert wurde:

  • Jüdische Frauen. Bis 1938 beschäftigte sich ein Großteil der jüdischen Familien in Wien traditionell mit Handel und Handwerk. Frauen spielten oft eine Schlüsselrolle im Familienunternehmen. Die Politik der „Arisierung“ und die brutalen Verfolgungen des NS-Regimes beraubten jedoch viele jüdische Frauen ihrer beruflichen Stellung und ihres Eigentums, was eine der tragischsten Seiten der Geschichte wurde.
  • Migrantinnen und Binnenvertriebene. Die Stadt zog ständig Arbeitskräfte aus den Randgebieten der Monarchie an, insbesondere aus Regionen wie Galizien und den ukrainischen Gebieten. Diese Binnenvertriebenen kamen nach Wien, um Geld zu verdienen, fanden oft Arbeit in Nähereien oder als Hausangestellte, was eine dynamische, aber sozial verwundbare Schicht der städtischen Arbeitskräfte schuf.
(Frauenarbeit in einer Mälzerei, Wien)

Barrieren überwinden: Bildung, Aktivismus und die Anerkennung der Frauenrechte in Wien

Das Berufsleben der Wiener Frauen stand lange Zeit unter dem Druck des Patriarchats und strenger rechtlicher Beschränkungen. Faktoren wie der Familienstand und die Vormundschaft des Mannes über die Frau schränkten ihre rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten stark ein. Besonders drängend war die Frage des Zugangs zu höherer Bildung: Universitäten öffneten sich für Frauen nur mit Verzögerung, was viele ambitionierte Studentinnen zwang, ihr Studium in anderen Städten zu suchen. Obwohl der rechtliche Fortschritt im 20. Jahrhundert die Situation allmählich änderte, war dieser Prozess langsam und erforderte ständigen Kampf.

Trotz aller Einschränkungen war bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Wachstum der Bildungsmöglichkeiten und der beruflichen Qualifikation für Frauen zu beobachten. Das Aufkommen von Mädchenschulen, Handwerkskursen und Berufsschulen vermittelte Frauen die notwendigen technischen Fähigkeiten in Bereichen wie Nähen, Pädagogik und Pflege.

Eine Schlüsselperiode im Kampf um Frauenrechte war die Zeit des **„Roten Wien“** (1919–1934). Die kommunale Politik dieser Periode, geleitet von den Sozialdemokraten, förderte aktiv die Verbesserung der sozialen Bedingungen (Wohnen, Bildung, Sozialdienste) und legalisierte die Unterstützung der Frauenarbeit und der Berufsausbildung.

Eine unschätzbare Rolle in diesem Prozess spielte Käthe Leichter. Sie war eine Schlüsselfigur des Aktivismus und der Forschung und wurde die erste Leiterin der Frauenabteilung der Arbeiterkammer Wien. Ihr Werk „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ (1930) und ihre Feldforschung (einschließlich Interviews mit Tausenden von Frauen) sind bis heute fundamentale Quellen für das Verständnis der Arbeitsbedingungen und des Berufslebens von Frauen im damaligen Wien.

Quellen: www.frauenmachengeschichte.at, futurezone.at, www.frauentag-noe.at, magazin.wienmuseum.at, frauenstudienzirkel.net

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