Hertha Pauli: berühmte österreichische Journalistin, Schriftstellerin und Schauspielerin

Die Geschichte der österreichischen Kultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist untrennbar mit einer ganzen Reihe herausragender Persönlichkeiten verbunden. Unter ihnen nimmt Hertha Pauli einen besonderen Platz ein. Diese bemerkenswerte Frau war eine aktive Teilnehmerin am literarischen und theatralischen Leben Wiens und Europas. Sie verwirklichte sich als talentierte Journalistin, scharfsinnige Schriftstellerin und Schauspielerin und wurde eine der spannendsten Figuren ihrer Zeit. Paulis Lebensweg, erfüllt von kreativer Suche und politischen Erschütterungen, führte sie aus dem böhmischen Wien der 1920er Jahre in die erzwungene Emigration nach Frankreich und in die USA. Mehr dazu auf vienna1.one.

Herkunft und Prägung von Hertha Pauli

Hertha Pauli wurde in eine wohlhabende intellektuelle Familie hineingeboren, was ihren Werdegang und ihre Ambitionen entscheidend prägte. Ihr Familienstammbaum war eng mit der Welt der Kultur und Wissenschaft verbunden. Die Großeltern mütterlicherseits, die Opernsängerin Bertha Schütz und der Schriftsteller sowie Redakteur Friedrich Schütz, legten den künstlerischen Grundstein. Ihre Mutter, Bertha Pauli (geborene Schütz), war Journalistin der einflussreichen „Neue Freie Presse“ und aktive Frauenrechtlerin, nahm sich jedoch 1927 auf tragische Weise das Leben.

Herthas Vater, Wolfgang Joseph Pauli, war ein angesehener Arzt und Biochemiker an der Universität Wien. 1919 wurde er Professor und Leiter des Instituts für physikalisch-chemische Biologie, und von 1922 bis zu seiner erzwungenen Emigration im Jahr 1938 leitete er das Institut für Medizinische Kolloidchemie. Herthas älterer Bruder, Wolfgang Pauli, wurde später (1945) Nobelpreisträger für Physik. Die Familie Pauli pflegte freundschaftliche Beziehungen zu dem berühmten Physiker Ernst Mach, zu dessen Ehren Hertha und ihr Bruder die Zweitnamen Ernest und Ernestine erhielten – was die tiefe Verankerung der Familie im wissenschaftlichen Milieu unterstreicht.

Die Familie lebte in einem angesehenen Bezirk Wiens, und Hertha selbst besuchte ab 1916 das Humanistische Gymnasium in Döbling. Ihre Leidenschaft für das Theater zeigte sich jedoch früh. Nach dem Ersten Weltkrieg, während eines Aufenthalts in Dänemark im Rahmen eines Kindertransports, begann sie, Märchen von Hans Christian Andersen zu interpretieren. Nach ihrer Rückkehr nach Wien nahm sie Schauspielunterricht bei der bekannten Hedwig Bleibtreu. Diese Begeisterung überwog die akademische Ausbildung: 1923 verließ Pauli das Gymnasium, um sich voll und ganz dem Dramastudium an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst zu widmen.

Der facettenreiche Weg der Journalistin

Der Lebens- und Berufsweg von Hertha Pauli ist eine klare Widerspiegelung des Schicksals der europäischen Intelligenz, die die kulturelle Euphorie der Zwischenkriegszeit und die Katastrophe des Nationalsozialismus erlebte.

Ihre ersten Schritte auf der professionellen Bühne machte Pauli in der Welt des Theaters. Nach ihrer Schauspielausbildung erhielt sie bereits 1925 ihr erstes Theaterengagement. Der Höhepunkt ihrer Bühnenkarriere war 1927, als sie von Max Reinhardt selbst nach Berlin eingeladen wurde. Pauli spielte kleinere Rollen in seiner gefeierten Truppe. In den 1920er und 1930er Jahren verkehrte sie aktiv in Bohème-Kreisen und lernte so herausragende literarische und theatralische Persönlichkeiten wie Ödön von Horváth und Walter Mehring kennen.

Um 1933 kehrte Pauli nach Wien zurück, wo ihre Tätigkeit eine neue, journalistische Ausrichtung annahm. Sie leitete die wichtige literarisch-informatorische Agentur „Österreichische Korrespondenz“ und publizierte aktiv in Zeitschriften. In den 1930er Jahren machte sich Hertha Pauli auch erfolgreich als Autorin biografischer Romane einen Namen.

Nach dem Anschluss im Jahr 1938 war Pauli gezwungen, aus Österreich nach Frankreich zu emigrieren. In Paris schloss sie sich schnell dem Kreis der Exil-Intellektuellen an, darunter Joseph Roth und ihr alter Bekannter Walter Mehring. Sie arbeitete mit oppositionellen Kreisen zusammen und hatte unter anderem Kontakt zu dem amerikanischen Journalisten Eric Sevareid.

(Hertha Pauli um 1967 in ihrem Haus in Huntington)

Herthas journalistische Arbeit

Hertha Paulis journalistische Tätigkeit war ein wichtiger Teil ihres kulturellen und politischen Widerstands in dieser Epoche, indem sie die Funktion der Reporterin, Redakteurin und Chronistin der Flucht vereinte. Ihre Rolle ging weit über die übliche Publizistik hinaus und wurde zu einem wichtigen Bindeglied im intellektuellen Netzwerk Mitteleuropas.

Schon in der Vorkriegszeit veröffentlichte Pauli aktiv in führenden europäischen Periodika, darunter dem deutschen Satiremagazin „Simplicissimus“ und der Prager „Bohemia“. Ihre journalistische Arbeit erlangte jedoch nach der Flucht aus dem nationalsozialistischen Europa im Jahr 1940 die größte historische Bedeutung.

Ihren dramatischen Weg durch das besetzte Frankreich, Spanien und Portugal hielt Pauli im Tagebuch „Journal of an Escape“ fest, das in drei Teilen in der amerikanischen Exilzeitung „Aufbau“ veröffentlicht wurde. Diese Berichte waren nicht nur Reportagen; sie verbanden Journalismus mit hohem literarischem Wert und beschrieben die Gefahren der Reise, die Erfahrung der Verfolgung, die Angst und die Hoffnung im Zusammenhang mit dem Transit und der Rettung. Dieses „Tagebuch der Flucht“ ist ein wichtiges historisches Dokument, das Einblicke in die Erfahrungen von Intellektuellen im Exil bietet.

Triumph im Exil und Hertha Paulis tiefgründige Erinnerungen

Nach ihrer Übersiedlung in die Vereinigten Staaten setzte Hertha Pauli nicht nur ihren kreativen Weg fort, sondern eröffnete auch ein neues, erfolgreiches Kapitel ihrer Karriere, das sich vollständig an das amerikanische Publikum richtete. Sie arbeitete aktiv als Schriftstellerin, wobei sie sich stark auf das Genre des Non-Fiction konzentrierte und Biografien sowie populärwissenschaftliche historische Essays verfasste. Besonders erfolgreich war ihre Tätigkeit als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche. Zu ihren bemerkenswerten Veröffentlichungen aus dieser Zeit gehören die Biografie „Alfred Nobel: Dynamite King, Architect of Peace“ (1942) und das Buch „Silent Night: The Story of a Song“ (1943). Ein wichtiger Beitrag war auch die Erforschung der amerikanischen Symbolik: 1948 erschien das Werk „Ich erhebe meine Leuchte“, das der Freiheitsstatue gewidmet ist und an dem Pauli zusammen mit ihrem Ehemann arbeitete.

Ihre kreative und biografische Bilanz zog Pauli 1970 mit der Veröffentlichung ihrer autobiografischen Erinnerungsarbeit unter dem zutiefst persönlichen Titel „Der Riß der Zeit geht durch mein Herz“ in deutscher Sprache. In diesem Buch erinnerte sie sich mit außergewöhnlicher Einsicht an die dramatischen Ereignisse vor dem Anschluss und ihre erzwungene Flucht aus Europa. Dieses Werk löste in späteren Jahren eine neue Welle des Interesses an ihrer Person aus.

Hertha Pauli starb am 9. Februar 1973 in Long Island, wurde aber, als symbolische Rückkehr zu ihren Wurzeln, an der Familiengrabstätte in Wien beigesetzt.

Literarisches Porträt und Schlüsselthemen

Das kreative Schaffen von Hertha Pauli spiegelt ihre vielfältigen Interessen und ihr tiefes Verständnis historischer Prozesse wider. Ihre professionelle Besonderheit lag in der Fähigkeit, tiefgreifendes historisches Wissen mit einer zugänglichen und fesselnden Darstellung zu verbinden, die sich an ein breites Publikum richtete. Pauli konzentrierte sich auf mehrere Schlüsselthemen, die ihre literarische Karriere bestimmten:

  • Das biografische Genre. Sie war eine Meisterin biografischer Porträts, gewidmet herausragenden Persönlichkeiten, die die Weltgeschichte beeinflussten. Pauli befasste sich auch mit Schlüsselmomenten der Geschichte, schrieb zum Beispiel über Franz Ferdinand und die Ereignisse in Sarajevo. Ihr Ziel war die Popularisierung der Geschichte und die Erklärung tiefgründiger Symbolik, insbesondere in dem Buch über die Freiheitsstatue.
  • Kinder- und Jugendliteratur. Einen Großteil ihrer amerikanischen Zeit widmete sie der Gestaltung von Büchern für Kinder und Jugendliche. Diese Werke, die in den USA großen Erfolg hatten, befassten sich mit Feiertagen, religiösen und historischen Themen.
  • Exil-Werke. Ihre Texte und Artikel, die während und nach der Flucht aus Europa entstanden, haben einen hohen Quellenwert. Sie enthalten Zeugnisse über das Leben von Intellektuellen im Exil, über Verfolgung und die Arbeit von Emigrationsnetzwerken, die Menschen in der kritischen Zeit von 1938 bis 1941 retteten.

Die Journalistin gehörte dem intellektuellen Kreis des Zwischenkriegs-Mitteleuropas an. In Paris arbeitete sie in der Emigrantengemeinschaft, in den USA pflegte sie Kontakte zu amerikanischen Journalisten und humanitären Organisationen. Sie unterstützte aktiv viele Landsleute in Not, trotz ihres eigenen Kampfes ums Überleben im Exil.

Quellen: www.hanser-literaturverlage.de, www.geschichtewiki.wien.gv.at, //www.nzz.ch, www.nationalfonds.org

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