Der Zweite Weltkrieg stellte eine schreckliche Prüfung für die ganze Welt dar und beeinflusste alle Lebensbereiche tiefgreifend, einschließlich des Bildungswesens. Wien und seine Umgebung, als Teil des Dritten Reiches, bildeten hier keine Ausnahme. Die Schulklassen leerten sich durch die Mobilisierung von Lehrern und Schülern, die Lehrpläne erfuhren erhebliche Änderungen und spiegelten die Ideologie des Nationalsozialismus wider, und die Schulgebäude selbst wurden oft für militärische Zwecke genutzt oder durch Bombenangriffe beschädigt. Trotz dieser außerordentlichen Schwierigkeiten kam der Bildungsprozess in Wien und der Region nicht vollständig zum Erliegen, sondern nahm neue, oft tragische Formen an. Mehr dazu auf vienna1.one.
Bildung in Wien in der Ära des „Anschlusses“
Der März 1938 markiert ein dunkles Kapitel in der Geschichte Österreichs, als das Land infolge des „Anschlusses“ seine Unabhängigkeit verlor und gewaltsam an Nazideutschland angeschlossen wurde. Diese politische Katastrophe wirkte sich augenblicklich auf alle Lebensbereiche der Österreicher aus, und das Bildungssystem wurde zu einer der ersten und wichtigsten Fronten im ideologischen Kampf, den das neue Regime entfesselte. Die Bildungseinrichtungen Wiens und des ganzen Landes gerieten unter die strenge Kontrolle der Nazipartei, die danach strebte, die Bildung in ein mächtiges Instrument der Propaganda und der Durchsetzung ihrer menschenverachtenden Rassenpolitik zu verwandeln.
Der „Anschluss“ von 1938 war ein Wendepunkt, der nicht nur die Beseitigung der Ersten Österreichischen Republik und des unabhängigen österreichischen Staates bedeutete, sondern auch den Machtantritt des nationalsozialistischen Regimes, das die austrofaschistische Regierung ablöste. Für Österreich sind diese Märztage ein Schlüsselmoment für eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem eigenen historischen Weg.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs positionierte sich Österreich auf der internationalen Bühne als das erste Opfer des Nationalsozialismus. Diese Selbstdefinition basierte auf der gewaltsamen Absage des für den 11. März 1938 geplanten Referendums und dem militärischen Einmarsch deutscher Truppen. Diese Haltung wurde auch genutzt, um Restitutions- und Entschädigungszahlungen an die Opfer des NS-Terrors zu umgehen. Bezeichnend ist die Aussage des damaligen Innenministers der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), Oskar Helmer, zu den Entschädigungen für jüdische Bürger: „Ich bin dafür, dass man die Sache in die Länge zieht…“.

Die Umwandlung der Bildung in ein Instrument der Propaganda und ideologischen Kontrolle
Mit der Ankunft der Nationalsozialisten hörten die Schulklassen in Wien auf, Zentren freien Wissens und kritischen Denkens zu sein. Die Bildung wurde strikt den ideologischen Geboten des Dritten Reiches unterworfen. Die Lehrpläne erfuhren eine vernichtende Revision, in der die Rassentheorie, vergiftender Antisemitismus, blinder Führerkult und aggressiver Militarismus einen zentralen Platz einnahmen. Die Geschichte wurde umgeschrieben, um der NS-Propaganda zu dienen, indem die „arische Rasse“ heroisiert und die „Feinde des Reiches“ dämonisiert wurden. Die Literatur wurde zum Sprachrohr der Nazi-Ideen und verherrlichte Stärke, Krieg und bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Führer.
Die Schüler sollten in einer Atmosphäre bedingungsloser Treue zum NS-Regime aufwachsen. Jede Unterrichtsstunde, jede außerschulische Aktivität war darauf ausgerichtet, den „neuen Deutschen“ zu formen – gehorsam, diszipliniert, fanatisch den Idealen des Nationalsozialismus ergeben und bedingungslos bereit, sein Leben für Führer und Reich zu geben.
Leibesübungen gewannen eine nie dagewesene Bedeutung, da ein starker Körper als Garant für einen starken Soldaten galt, der für zukünftige Eroberungen bereit war. Die Turnhallen und Sportplätze der Schulen verwandelten sich in eine Art Übungsplatz für die Vorbereitung zukünftiger Krieger, wo anstelle von Teamgeist blinder Gehorsam und Aggression gefördert wurden. So wurde die Bildung in Wien während des Zweiten Weltkriegs zu einem tragischen Beispiel dafür, wie eine Institution, die dazu berufen ist, das Licht des Wissens zu verbreiten, zynisch zur Vergiftung des Bewusstseins einer ganzen Generation missbraucht werden kann.

Die „Säuberung“ der Schulen: Aggressive Diskriminierung in den Wiener Bildungseinrichtungen
Einer der ersten und brutalsten Schläge der NS-Maschinerie nach dem „Anschluss“ Österreichs war die gnadenlose „Säuberung“ der österreichischen Schulen und Universitäten von jenen, die das Regime als „rassisch minderwertig“ oder politisch unzuverlässig betrachtete. Diese schändliche Kampagne zielte nicht nur darauf ab, „unerwünschte Elemente“ zu beseitigen, sondern das Bildungssystem vollständig der menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches zu unterwerfen.
Die Wiener Universitäten, als führende Zentren von Wissenschaft und Bildung, erlitten verheerende Verluste. Insbesondere die Universität Wien, eine der ältesten und renommiertesten Europas, verlor etwa 40 % ihres Lehrkörpers. Der Grund für die Entlassung war ihre jüdische Identität oder politische Ansichten, die nicht mit der NS-Doktrin übereinstimmten. Gleichzeitig wurden für junge Juden, die eine höhere Bildung anstrebten, strenge Quoten eingeführt, die vielen von ihnen faktisch die Türen zu den Hörsälen verschlossen.
Ein aktiver Verfechter der NS-Politik im Bildungsbereich war Oswald Menghin, der nach dem „Anschluss“ zum Unterrichtsminister ernannt wurde. Seine Tätigkeit war auf die bedingungslose Umsetzung von Rassentheorien und Antisemitismus in den Lehrplänen ausgerichtet. Paradoxerweise gelang es Menghin nach Kriegsende, einer gerechten Strafe für seine Verbrechen zu entgehen. Er setzte seine erfolgreiche akademische Karriere in Argentinien fort und hinterließ eine tragische Spur in der Geschichte der österreichischen Bildung.

Nachkriegsaufarbeitung und die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der österreichischen Bildung
Das Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnete für Österreich einen schwierigen Weg der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Lange Zeit herrschte in der Gesellschaft, insbesondere im Bildungsbereich, der Mythos von Österreich als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus vor. Dieses Konzept bestimmte maßgeblich die Art und Weise, wie Geschichte in den Schulen gelehrt wurde, indem die Rolle vieler Österreicher bei der Unterstützung des NS-Regimes und ihre Mitschuld an den schrecklichen Verbrechen des Holocaust verschwiegen oder heruntergespielt wurde.
Erst ab den 1980er-Jahren begann in der österreichischen Bildung ein tiefergehender und ehrlicherer Prozess der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Es erfolgte eine schrittweise, aber wichtige Anerkennung der Mitverantwortung Österreichs für die Unterstützung Hitler-Deutschlands und dessen verbrecherische Politik, einschließlich der Teilnahme am Holocaust. Dieser Wendepunkt markierte den Beginn eines Weges zu einem objektiveren Verständnis der eigenen Geschichte, frei von Selbstrechtfertigungen und Mythenbildung.
Heute wird der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in österreichischen Schulen große Aufmerksamkeit gewidmet. Die Bildungsprogramme umfassen verschiedene Methoden und Ansätze, die auf ein tiefes Verständnis der tragischen Ereignisse der Vergangenheit abzielen. Eine wichtige Rolle spielen Zeitzeugenberichte, in denen persönliche Geschichten geteilt werden, um den Schülern zu helfen, den Schrecken und die Folgen des Totalitarismus zu begreifen. Besuche von Gedenkstätten und Museen sind ein fester Bestandteil des Lehrprozesses und bieten die Möglichkeit, sich anschaulich mit den Orten der Erinnerung vertraut zu machen und der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Darüber hinaus werden im Unterricht aktiv komplexe ethische Fragen im Zusammenhang mit Totalitarismus, Diskriminierung, Menschenwürde und Verantwortung diskutiert.

Somit hat die Zeit des „Anschlusses“ eine tiefe und schmerzhafte Spur in der Geschichte des österreichischen Bildungssystems hinterlassen und es zeitweise in ein Instrument der NS-Propaganda und ideologischen Kontrolle verwandelt. Das heutige Österreich, im Bewusstsein der Bedeutung historischer Erinnerung, arbeitet weiterhin beharrlich an der Aufarbeitung dieser komplexen Vergangenheit und strebt danach, eine objektive, kritische und umfassende Auseinandersetzung mit der Geschichte in allen Bildungseinrichtungen des Landes sicherzustellen, um eine Generation zu erziehen, die gegen jede Form von Hass und Diskriminierung widerstandsfähig ist.
Quellen: www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.deutschlandfunk.de, www.onb.ac.at, www.demokratiezentrum.org
