Wiener Stadtbibliothek im Rathaus: Österreichischer Raum des Wissens und der Erinnerung

In den Mauern des monumentalen Wiener Rathauses pulsiert ein besonderes Zentrum des intellektuellen Lebens – die Wienbibliothek im Rathaus. Sie ist nicht nur ein Aufbewahrungsort für Bücher und Dokumente, sondern ein lebendiges Archiv der Geschichte und Kultur der österreichischen Hauptstadt. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich die Bibliothek von einer bescheidenen Sammlung zu einem leistungsstarken wissenschaftlichen Zentrum entwickelt und ist zu einem untrennbaren Teil der städtischen Identität geworden, der die Erinnerung an herausragende Persönlichkeiten, bedeutende Ereignisse und das reiche Erbe Wiens bewahrt. Mehr dazu auf vienna1.one.

Ein Blick in die Geschichte

Wenn wir in die Tiefen der Wiener Geschichte eintauchen, entdecken wir eine Schatzkammer des Wissens, deren Anfänge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Die erste Erwähnung einer städtischen Bibliothek datiert aus dem Jahr 1466, doch ihre Wurzeln reichen zweifellos noch viel weiter zurück. Leider wurde dieser wertvolle Bestand 1780 an die kaiserliche Hofbibliothek, die heute als Österreichische Nationalbibliothek bekannt ist, übergeben.

Das Bestreben Wiens, eine eigene Stadtbibliothek zu besitzen, erlosch jedoch nicht. Nach mehreren Wiederbelebungsversuchen wurde erst am 29. April 1856 dank der Hartnäckigkeit von Bürgermeister Johann Kaspar von Seiller die Wiener Stadtbibliothek offiziell wiederhergestellt. Von diesem Moment an begann ihr neues Leben, geprägt von großzügigen Spenden und wertvollen Nachlässen, die dazu beitrugen, ihre Sammlungen rasch zu bereichern.

Seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erweiterte die Bibliothek aktiv ihre Bestände und legte spezialisierte Sammlungen an: 1878 wurde mit dem Sammeln literarischer Handschriften begonnen, und ab 1897 folgte eine Sammlung von Notendrucken und Autografen, die ab 1905 zu eigenständigen Abteilungen wurden. Das Jahr 1923 markierte den Beginn einer systematischen Plakatsammlung, und 1930 sowie nach 1945 wurden eine Zeitungs- und eine Personendokumentation eingerichtet. Lücken in der frühen Geschichte der Bibliothek konnten teilweise durch den Erwerb großer Privatsammlungen und Archive von herausragenden Wissenschaftlern, Schriftstellern und Bibliophilen (darunter Theodor von Karajan, Josef Feil, Ludwig August Frankl) sowie bekannter Verlage (Artaria, Gerold, Doblinger) geschlossen werden.

Zunächst war die Bibliothek im Alten Rathaus untergebracht, zog aber 1886 in das geräumigere Neue Rathaus um. Interessanterweise haben einige Räumlichkeiten der Bibliothek ihr authentisches Aussehen bewahrt. In der Außenstelle in der Bartensteingasse 9 befinden sich nicht nur Büros, sondern auch die einzigartigen „Loos-Räume“, in denen eine Dauerausstellung dem Leben und Werk des herausragenden Architekten Adolf Loos gewidmet ist. Diese Räume, die seit 1991 im Besitz der Stadt sind, wurden sorgfältig restauriert, um die historische Atmosphäre zu bewahren, und sind seit 2013 für Führungen geöffnet.

(Benützerbereiche der Wienbibliothek im Rathaus, Informations- und Zeitschriftensaal)

Eine neue Etappe in der Geschichte der Bibliothek begann nach dem Umzug des Wiener Stadt- und Landesarchivs in die Gasometer-City. Die freigewordenen Räumlichkeiten im Rathaus wurden für die Bedürfnisse der Bibliothek umgebaut, die ab dem 20. Oktober 2003 in neuem Format für Besucher zugänglich war; die offizielle Eröffnung fand am 20. November desselben Jahres statt. Später wurde im sechsten Hof des Rathauses ein dreigeschossiges Tiefmagazin errichtet, und im Erdgeschoss darüber wurden die Plakatsammlung und eine Restaurierungswerkstatt untergebracht. Auf dem Dach des Magazins entstand ein ungewöhnlicher Garten, der vom Künstlerpaar Weinberger entworfen und 2006 mit einem renommierten Architekturpreis ausgezeichnet wurde.

Heute ist die Wienbibliothek im Rathaus nicht nur eine Bibliothek, sondern ein zentraler österreichischer Wissens- und Gedächtnisort, der seit über eineinhalb Jahrhunderten Forscher aus aller Welt anzieht. Sie sammelt, bewahrt und digitalisiert nicht nur wertvolle Materialien, sondern arbeitet auch aktiv mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zusammen, um ihre Bestände durch Publikationen, Ausstellungen, Veranstaltungen, digitale Ressourcen (wie das Wien Geschichte Wiki) und Expertenberatungen maximal zugänglich zu machen. Die Bibliothek setzt die Prinzipien des Digital Humanism aktiv um und strebt danach, das Potenzial digitaler Technologien zur Wissensverbreitung und zur Gestaltung einer inklusiven digitalen Zukunft zu nutzen. Seit 2022 ist die Wienbibliothek auch für die Organisation der bekannten „Wiener Vorlesungen“ verantwortlich. Hier ist eine Tabelle mit der Klassifizierung der Sammlungen der Wienbibliothek im Rathaus.

Bedeutende Sondersammlungen

Drei besondere Sammlungen sind die glanzvollen Juwelen der Bibliothek. Jede von ihnen hat ihre eigene einzigartige Geschichte und weltweite Bedeutung.

Stellen Sie sich einen Raum vor, in dem jede Note, jeder Akkord die Melodie eines Genies zu summen scheint. Das ist die Schubert-Sammlung, der Stolz der Bibliothek, die 2001 in die renommierte UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes „Memory of the World“ aufgenommen wurde. Ihr Herzstück sind die unschätzbaren Autografen von Franz Schubert selbst, die dem großzügigen Mäzen Nikolaus Dumba der Bibliothek schenkte. Wenn man diese vom Alter vergilbten Blätter berührt, spürt man förmlich den Atem des Komponisten und hört die Geburt seiner unsterblichen Werke. Das sind nicht nur Noten, das ist lebendige Musikgeschichte, von Meisterhand niedergeschrieben.

In der Nähe schlummert ein weiteres einzigartiges Archiv – das von Karl Kraus, dem scharfzüngigen Kritiker seiner Epoche, dessen Stimme auf den Seiten seiner legendären Zeitschrift „Die Fackel“ donnerte. 2016 wurde auch sein Archiv von der UNESCO gewürdigt und in das nationale Register „Memory of the World“ aufgenommen. Beim Betrachten seiner Manuskripte, Briefe und Entwürfe tauchen wir in die turbulente intellektuelle Welt Wiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, spüren den Puls der Zeit und sehen sie durch den durchdringenden Blick des Satirikers. Jedes Dokument ist ein Zeugnis des Kampfes für die Wahrheit, des scharfen Verstandes und der unbarmherzigen Kritik an gesellschaftlichen Missständen.

Und in einem separaten Raum, wie hinter den Kulissen einer großen Bühne, erstreckt sich die Theatersammlung von Fritz Bruckner. 1955 von der Bibliothek erworben, stellt sie eine nahezu vollständige Sammlung von Materialien dar, die die Geschichte des Wiener Theaters von der prunkvollen Barockzeit bis ins turbulente 20. Jahrhundert abdeckt. Hier werden seltene Programmhefte, Entwürfe für Bühnenbilder und Kostüme, Briefe von Schauspielern und Regisseuren sowie Erstausgaben von Theaterstücken aufbewahrt. Es ist eine wahre Zeitmaschine, die es uns ermöglicht, einen Blick hinter den Vorhang des Wiener Theaterlebens verschiedener Epochen zu werfen, seinen einzigartigen Geist zu spüren und die Entwicklung der Bühnenkunst zu verfolgen.

Diese drei Sammlungen sind nur die Spitze des Eisbergs der Schätze der Wienbibliothek. Sie zeugen von ihrer unschätzbaren Rolle bei der Bewahrung des kulturellen Erbes Österreichs, indem sie es Forschern und all jenen zugänglich machen, die sich mit Geschichte und Kunst auseinandersetzen möchten. Jede von ihnen ist eine eigene fesselnde Geschichte, die auf ihre Zuhörer wartet.

(Ein Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus)

Digitale Sammlungen der Wienbibliothek im Rathaus

Die Wienbibliothek im Rathaus erweitert aktiv ihren digitalen Raum und berücksichtigt dabei sorgfältig urheberrechtliche Fragen, um ihre unschätzbaren Bestände einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mittlerweile bietet die Digitale Wienbibliothek über 270.000 digitalisierte Objekte mit einem Gesamtumfang von mehr als 3,5 Millionen Seiten an. Dank der Open-Access-Politik sind fast alle bereitgestellten Materialien, mit Ausnahme einiger administrativer Veröffentlichungen der Stadt, gemeinfrei und können ohne jegliche Einschränkungen frei verwendet werden. Um die Suche und Forschung zu erleichtern, werden alle gedruckten und oft auch handschriftlichen Werke einer automatischen Texterkennung (OCR) unterzogen, die eine Volltextsuche nach Schlüsselwörtern ermöglicht.

Der erste bedeutende Schritt zur Schaffung der Digitalen Wienbibliothek war die Digitalisierung des grundlegenden Nachschlagewerks – „Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger“ (bekannt als „der Lehmann“), das von 1859 bis 1942 erschien. Darüber hinaus sind verschiedene Wiener Adressbücher aus unterschiedlichen Jahren, Häuser-Schematismen und Straßenverzeichnisse in digitaler Form verfügbar. Im Rahmen spezieller Projekte werden einzelne bedeutende Sammlungen oder Teile davon digitalisiert.

In der Digitalen Wienbibliothek findet man den gesamten literarischen Nachlass von Franz Grillparzer, eine große Sammlung der Korrespondenz von Kurt Gödel und einen erheblichen Teil des Karl-Kraus-Archivs. Zudem stehen thematische Sammlungen zur Verfügung, die wichtige Perioden und Ereignisse der Wiener Geschichte beleuchten, wie den Ersten Weltkrieg, den Bau der Wiener Ringstraße, die Ära des „Roten Wien“, die Revolution von 1848 und die Ausschaltung des Parlaments 1933.

Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist die Digitalisierung der gesamten handschriftlichen Korrespondenz, die in den Beständen der Bibliothek aufbewahrt wird (rund 210.000 Briefe und Postkarten), um sie online verfügbar zu machen. Dank der kontinuierlichen Unterstützung von Crowdsourcing-Projekten und der aktiven Beteiligung von Freiwilligen wurde ein erheblicher Teil dieser Korrespondenz bereits transkribiert, was ihre Untersuchung und Analyse erheblich erleichtert.

Musikhandschriften und Notendrucke in den Beständen der Bibliothek

Wirklich unglaublich! Die Wienbibliothek im Rathaus ist die erste Anlaufstelle für jeden, der die Geheimnisse der Geschichte und die bezaubernden Traditionen der Wiener Musik entdecken möchte. Stellen Sie sich vor, alles begann mit der edlen Schenkung von Nikolaus Dumba, der der Stadt die unschätzbare Sammlung von Autografen von Franz Schubert selbst überließ! Dies gab den entscheidenden Impuls für den Aufbau einer einzigartigen Sammlung.

Beginnend mit der Epoche der Wiener Klassik deckt die Bibliothek meisterhaft die vielfältigsten musikalischen Strömungen ab – von der Blüte der bürgerlichen Musikkultur und der Romantik des 19. Jahrhunderts bis zu den innovativen Ideen der Zweiten Wiener Schule und den kühnen Experimenten der Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Aber das ist noch nicht alles! Hier werden einzigartige Sammlungen aufbewahrt, die den zauberhaften Rhythmen des Wiener Tanzes, der glanzvollen Bühnenmusik und den mitreißenden Melodien der Operette gewidmet sind, sowie umfassende Sammlungen und persönliche Nachlässe, die die Seele des Wienerlieds und den unverwechselbaren Charme der Schrammelmusik offenbaren.

Quellen: www.wien.gv.at, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.wienbibliothek.at, kuenste-im-exil.de

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