Die Geschichte des ersten Mädchengymnasiums in Wien

Wien spielte nicht nur im politischen und künstlerischen Leben Europas eine bedeutende Rolle, sondern auch in der Entwicklung der Frauenbildung. Lange Zeit blieb der Zugang zu höherer Schulbildung für Mädchen begrenzt, doch der beharrliche Kampf um Gleichberechtigung veränderte diese Situation allmählich. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war die Gründung des ersten Mädchengymnasiums in Wien. Seine Entstehung war nicht nur die Eröffnung einer neuen Bildungseinrichtung, sondern ein Symbol für epochale gesellschaftliche Veränderungen. Sie spiegelte das wachsende Verständnis für die Bedeutung der Bildung für Frauen wider und eröffnete neuen Generationen neue Horizonte. Mehr dazu auf vienna1.one.

Die Anfänge der Frauenbildung in Wien

Im Laufe des 18. und insbesondere des 19. Jahrhunderts ließen wohlhabende Bürger in Wien ihre Töchter nach dem Vorbild der aristokratischen Erziehung ausbilden – durch Gouvernanten und Privatlehrer. Höhere Bildung galt als unvereinbar mit der „weiblichen Natur“. Die Bildung von Frauen entwickelte sich hauptsächlich im Salonmilieu, vor allem im berühmten Wiener Salon von Fanny von Arnstein und später im Salon von Karoline Pichler. In ihren Memoiren erwähnt Pichler, dass sie Kenntnisse in Englisch, Latein, Französisch, Italienisch und Mathematik von Privatlehrern erwarb, jedoch „die weitaus wichtigere häusliche Bildung nicht vergaß“, da diese ihrer Meinung nach „die erste und wichtigste Berufung der Frau“ sei. Mädchen mussten ihre Prüfungen an staatlichen Schulen ablegen, doch bis Ende des 19. Jahrhunderts war es ihnen nicht gestattet, die Matura abzulegen.

Im Jahr 1774 führte Kaiserin Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren ein. Ein Jahr später wurde das Institut für Offizierstöchter eröffnet und 1786 das Zivil-Mädchenpensionat, das Mädchen auf die Führung des Haushalts und die Erziehung jüngerer Generationen vorbereiten sollte.

Hauptkatalog der ersten Klasse der Mädchenschule des Vereins für erweiterte Frauenbildung 1892-1893
(Hauptkatalog der ersten Klasse der Mädchenschule des Vereins für erweiterte Frauenbildung 1892-1893)

1812 wurde auf Initiative des Regierungsrates Ignaz von Sonnleithner und seines Bruders Joseph, Sekretär des Hoftheaters, die „Gesellschaft adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen“ gegründet. Später, im Jahr 1868, eröffnete die Stadt Wien das „Wiener Pädagogium“ zur Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen.

Mit der Verabschiedung des Reichsvolksschulgesetzes im Jahr 1869 wurde die Schulpflicht auf 14 Jahre verlängert. Erstmals wurden auch Gymnasien für Mädchen eingerichtet. Die Frage der Frauenbildung rückte zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit, insbesondere zahlreicher Frauenvereine. Einer der aktivsten war der 1888 gegründete „Verein für erweiterte Frauenbildung“, der jahrzehntelang erfolglos für das Recht von Frauen auf ein Universitätsstudium kämpfte.

Im Jahr 1870 scheiterte der Versuch von Marianne Hainisch, eine Mittelschule für Mädchen zu gründen – stattdessen wurden in Wien mehrere Volksschulen für Mädchen eröffnet. Doch bereits 1871 gründete der „Wiener Frauenerwerbverein“ eine vierklassige Schule mit höherer Bildung für Mädchen und setzte sich für deren Zugang zur Hochschulbildung ein. Ab 1878 durften Frauen die Matura ablegen, jedoch wurde ihnen die Formulierung „reif für den Besuch der Universität“ weiterhin verwehrt.

Die erste Generalversammlung des Bundes Österreichischer Frauenvereine vor dem Haus von Marianne Hainisch, Wien, Rochusgasse 7, am 21. Mai 1903
(Die erste Generalversammlung des Bundes Österreichischer Frauenvereine vor dem Haus von Marianne Hainisch, Wien, Rochusgasse 7, am 21. Mai 1903)

Marianne Hainisch: Die erste, die es wagte, die Welt für Frauen zu verändern

Marianne Hainisch (1839-1936) wurde zu einer der Schlüsselfiguren im Kampf für das Recht der Frauen auf Bildung, berufliche Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Teilhabe. Geboren in Baden in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie, spürte sie von Jugend an, wie begrenzt die Möglichkeiten für Frauen selbst in einem abgesicherten Umfeld waren. Ein Wendepunkt war eine Nacht, in der sie, wie sie schrieb, nicht schlafen konnte, weil sie die Ungerechtigkeit der weiblichen Erziehung und die Einschränkung ihrer Rechte erkannte. Aus dieser inneren Erschütterung erwuchs ein großer Wunsch nach Veränderung.

Im Jahr 1870 erhob sie auf der Generalversammlung des Wiener Frauenerwerbvereins als Erste in Österreich öffentlich die Forderung nach gleichem Zugang zu Bildung und Berufen für Mädchen und Frauen. Das war eine echte Herausforderung für die damalige Gesellschaft. Obwohl ihre Ideen auf starken Widerstand stießen, insbesondere im Parlament, gab Marianne nicht auf. Dank ihrer Hartnäckigkeit wurde bereits 1892 in Wien das erste Mädchengymnasium eröffnet (die erste derartige Einrichtung war 1890 in Prag gegründet worden). Ab 1896 wurden in Österreich-Ungarn im Ausland erworbene Doktortitel von Frauen anerkannt. Und ab 1897 erhielten Frauen schrittweise das Recht, an Hochschulen zu studieren – dies war ein wahrer Durchbruch im Bereich der Frauenbildung.

Marianne Hainisch, 1872
(Marianne Hainisch, 1872)

1902 war Hainisch Mitbegründerin des Bundes Österreichischer Frauenvereine (BÖFV), der 1904 dem International Council of Women beitrat. Sie leitete den BÖFV bis 1918 und war auf internationaler Ebene von 1909 bis 1914 Vizepräsidentin des Internationalen Frauenrates. Marianne ist auch für ihre Initiative zur Einführung des Muttertags in Österreich bekannt.

Auch im hohen Alter blieb sie aktiv – sie arbeitete im Bereich der Sozialfürsorge und unterstützte Friedensinitiativen. Trotz ihrer fortschrittlichen Überzeugungen betonte Hainisch stets die Bedeutung der traditionellen Rollen der Frau – als Ehefrau, Mutter und Hüterin der Familie. Ihr Andenken wird in Wien geehrt. Einst wurde der Marianne-Hainisch-Hof errichtet, und seit 2002 ist eine Straße im 3. Bezirk nach ihr benannt – die Marianne-Hainisch-Gasse.

Marianne Hainisch bewies, dass eine entschlossene Frau eine Welle der Veränderung auslösen kann, die schließlich das Leben Tausender anderer verändert. Ihr Kampf ging nicht nur um Bildung – es ging um Würde, Gleichheit und das Recht, gehört zu werden.

Marianne Hainisch in ihrem Zuhause
(Marianne Hainisch in ihrem Zuhause)

Die Gründung des ersten Wiener Mädchengymnasiums

Das Jahr 1892 markierte ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Frauenbildung in Österreich: In Wien, in der Hegelgasse 12, wurde von der Gründerin Marianne Hainisch das erste Gymnasium für Mädchen eröffnet. Dieses Ereignis war nicht nur die Entstehung einer neuen Bildungseinrichtung, sondern ein Symbol des Kampfes für gleiche Rechte und des Strebens von Frauen nach intellektueller Entwicklung.

Die ersten Jahre des Bestehens des Gymnasiums waren eine Zeit seiner Etablierung und seines Wachstums. 1903 erhielt die Schule das wichtige Öffentlichkeitsrecht, was ihre Bedeutung für die Stadt und die Gesellschaft unterstrich. Mit der Zeit stieg die Zahl der Schülerinnen und es entstand der Bedarf an größeren Räumlichkeiten. 1910 zog das Gymnasium in ein neues Gebäude in der Rahlgasse 4 im sechsten Wiener Gemeindebezirk, wo es für viele Jahrzehnte bleiben sollte.

Die friedliche Entwicklung der Bildung wurde jedoch durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Ab 1943 diente das Schulgebäude in der Rahlgasse als provisorische Unterkunft für Wehrmachtssoldaten, die zwischen der West- und Ostfront verlegt wurden. In dieser schwierigen Zeit wurde der Unterricht für die Schülerinnen in anderen Schulen der Stadt fortgesetzt. Als Wien 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen wurde, flohen die deutschen Soldaten in Panik. Dank der gemeinsamen Anstrengungen des Schulwarts, der Lehrer und Schülerinnen gelang es, das beschädigte Gebäude wiederherzustellen, und bereits am 5. Juli 1945 wurde der Unterricht wieder aufgenommen.

Mädchen im Unterricht, 1952
(Mädchen im Unterricht, 1952)

Der Wiederaufbau des Mädchengymnasiums nach dem Krieg

In der Nachkriegszeit, von 1945 bis 1977, wurde das Gymnasium von Maria Jaco geleitet, die den neuen Namen einführte: „Bundesrealgymnasium und Gymnasium für Mädchen“. Ihre Nachfolgerin, Martha Schieferdecker, die die Schule von 1978 bis 1992 leitete, initiierte zahlreiche progressive Reformen. Unter ihrer Führung wurden erstmals auch Buben aufgenommen und die Unterrichtswoche auf fünf Tage verkürzt. Besonderes Augenmerk wurde auf soziale Aspekte des Lernens, die Entwicklung von Kommunikation, Kooperation und Konfliktlösung (das KoKoKo-Programm) sowie die Entfaltung individueller Talente der Schüler durch offenes Lernen gelegt. Während ihrer Direktionszeit wurde das hundertjährige Jubiläum des ersten humanistischen Mädchengymnasiums in Österreich feierlich begangen.

Von 1992 bis 2010 wurde das Gymnasium von Heidi Schrodt geleitet, für die die Neugestaltung und Weiterentwicklung des gemeinsamen Unterrichts von Buben und Mädchen eine zentrale Frage war. 1994 wurde das komplett renovierte Schulgebäude eröffnet. Unter ihrer Leitung wurde ein neues Leitbild der Schule formuliert, das auf früheren Ideen basierte (Förderung von Mädchen, Kampf gegen Rassismus, Toleranz), und die drei schulischen Schwerpunkte – Gender-, Umwelt- und soziale Fragen (GUS) – wurden weiterentwickelt. Auf Initiative der Schule wurden Gender-Beauftragte und Mediatoren eingeführt, die eine wichtige Rolle im sozialen Lernen der Schüler spielten. Die Vielfalt der Interessen der Schüler führte zur Einführung von „kursartigen Wahlpflichtfächern“, die eine Vorbereitung auf das Universitätsstudium ermöglichten.

Seit 2011 wird das Gymnasium von Ilse Rollett geleitet, die Erika Ackerl nachfolgte. Ihre Führung zeichnet sich durch das Streben nach kollegialer Entscheidungsfindung unter Beteiligung von Lehrern, Eltern und Schülern aus. Sie tritt für die Autonomie der Schule ein und hofft auf eine Reduzierung bürokratischer Hürden. Die Aufhebung der Schülerhöchstzahlen in den Klassen bewertet sie positiv. Ilse Rollett sieht die Zukunft der Schule in einer Kombination aus größeren Vorlesungskursen und kleineren Lerngruppen. Als Bildungsforscherin bringt sie ihre Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung und der Führungskräfteentwicklung in die Weiterentwicklung des Gymnasiums ein.

Der Schulhof in der Rahlgasse
(Der Schulhof in der Rahlgasse)

Die Geschichte des ersten Wiener Mädchengymnasiums in der Rahlgasse ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Hartnäckigkeit, progressive Ideen und das Streben nach qualitativ hochwertiger Bildung gesellschaftliche Stereotypen überwinden und zukünftigen Generationen neue Horizonte eröffnen können. Diese Bildungseinrichtung gab Frauen nicht nur Zugang zu Wissen, sondern wurde auch zu einem Symbol ihrer immensen Rolle in der Gesellschaft.

Quellen: www.vhs.at, fraueninbewegung.onb.ac.at, www.fembio.org/biographie.php, www.erinnerungsort.at, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.bmb.gv.at 

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