Geschichte der öffentlichen Bäder in Wien

Seit Anbeginn Wiens war der Donaukanal wohl der beliebteste Erholungsort der Stadtbewohner. Dort befanden sich offene Badeplätze. Das war so, bis die öffentlichen Bäder in der Stadt aufkamen. Jeder besuchte sie aus unterschiedlichen Gründen, aber meistens zum Baden und für das gesellige Beisammensein. Lesen Sie hier mehr über die Geschichte der Wiener Bäder vienna1.one.

Die Entstehung der Bäder in der Stadt

Tatsächlich hat das Baden in der Donau eine jahrhundertelange Geschichte. Bereits im fernen Jahr 1538 erwähnte der Schweizer Nicolaus Wynmann die Wiener Gewässer in seinem Schwimmlehrbuch „Colymbetes, Sive De Arte Natandi“. Die Kirche hatte das freie Schwimmen und Baden lange Zeit verboten. Erst im 17. und 18. Jahrhundert wurde es erlaubt.

Der 9. November 1886 war ein wichtiges Ereignis in der Geschichte Wiens. An diesem Tag fand eine Plenarsitzung des Gemeinderates statt, bei der der Beschluss über den Bau von öffentlichen Bädern in jedem Stadtbezirk gefasst wurde. Alle Anwesenden diskutierten zudem ein Pilotprojekt.

Am 22. Dezember 1887 wurde das erste öffentliche Bad in der Mondscheingasse 9 in Wien-Neubau eröffnet. Es verfügte über getrennte Duschen und Umkleideräume für Männer und Frauen.

Über Jahrzehnte hinweg (von 1890 bis 1960) waren die öffentlichen Bäder die einzige Möglichkeit für die Menschen des Mittelstandes, sich gründlich zu waschen.

Die meisten Menschen besuchten die Bäder am Samstag. Statistiken zufolge kamen an diesem Tag etwa 30 % der Leute zum Duschen.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wurden in Wien 19 weitere öffentliche Bäder errichtet; bis 1914 zählten sie 3,5 Millionen Besucher. In den Bezirken Innere Stadt und Döbling gab es keine „Tröpferlbäder“, die von den ärmeren Bevölkerungsschichten genutzt wurden.

Als sich die Wohnverhältnisse zu verbessern begannen und die Menschen private Badezimmer bekamen, sank die Zahl der Badbesucher drastisch. Im Laufe der Jahrzehnte wurden viele öffentliche Bäder geschlossen und in Warmbäder mit Saunen umgebaut.

Besonderheiten der ersten Bäder

Tatsächlich waren die ersten Bäder alles andere als perfekt. Wenn viele Besucher gleichzeitig duschen wollten, waren die Wasserreservoirs schnell überlastet. Der Wasserdruck in den einzelnen Kabinen fiel ab, und das Wasser floss nicht wie vorgesehen, sondern tröpfelte nur. An ein richtiges Baden war nicht zu denken. Aus diesem Grund war die Aufenthaltsdauer der Besucher in den sogenannten Brausebädern streng auf 30 Minuten begrenzt.

In dieser Zeit musste man sich ausziehen, einseifen, duschen und wieder anziehen. Wer mehr Zeit benötigte, musste ein nicht gerade günstiges Ticket für eine Verlängerung kaufen.

Jedes Bad hatte eine Kassa. Insgesamt gab es zwei Badeklassen. In der ersten Klasse hatte jeder eine individuelle Kabine, die mit einem Vorhang geschlossen wurde. Darin waren alle Annehmlichkeiten zum Umkleiden vorhanden und eine regulierbare Dusche mit Mischbatterie zum Umschalten zwischen heißem und kaltem Wasser installiert.

In den Duschen der zweiten Klasse gab es einen gemeinsamen Umkleideraum mit einer kleinen, von innen abschließbaren Box. Um mit dem Baden zu beginnen, musste man in den allgemeinen Duschraum mit offenen Kabinen gehen. Anfangs waren die Badebereiche für Männer und Frauen getrennt. Einige öffentliche Bäder wurden bald um zusätzliche Wannenbäder erweitert.

In jedem Bad gab es Personal, das aus einem Bademeister und zwei Bediensteten bestand. Zu ihren Aufgaben gehörten die Ausgabe von Wäsche und die Aufrechterhaltung der Ordnung. Das Personal war verpflichtet, darauf zu achten, dass die Besucher in spezieller Badekleidung badeten und sich im Bad bewegten.

Da es in den Anfangsjahren der Bäder nur einen gemeinsamen Umkleideraum und die Duschen zu einer Seite hin offen waren, wurden den Besuchern zur Wahrung des Anstands Badeschürzen ausgegeben.

Männer trugen einen Lendenschurz, während Frauen ihre intimen Körperstellen mit einer langen Schürze bedeckten. Trotz gewisser Unannehmlichkeiten besuchten die Menschen die öffentlichen Bäder mit großer Freude. Denn dort konnten sie ungezwungen miteinander reden, sich erholen und vor allem auf ihre Hygiene achten.

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