Spezialgeschäft für Entomologie in Wien: Reich der Schmetterlinge und Käfer

Dieses ungewöhnliche Geschäft gilt als einzigartig in Österreich. Es befindet sich im Hochparterre eines alten Gebäudes im 18. Wiener Gemeindebezirk. Seit über 100 Jahren wird hier alles verkauft, was Hobby-Entomologen begeistert. Das Geschäft beherbergt Sammlungen von Käfern und Schmetterlingen, die vom Aussterben bedroht sind, schreibt vienna1.one.

Besonderheiten des Geschäfts

Das Geschäft trägt den Namen „Hildegard Winkler – Fachgeschäft und Buchhandlung für Insektenkunde“ und befindet sich in der Dittesgasse 11.

Seine Geschichte beginnt im Jahr 1906. Damals entschied sich Albert Winkler, in einer alten Wohnung im Hochparterre ein Geschäft für Fachleute zu eröffnen, die nach etwas Bestimmtem suchten. Zum Beispiel einen besonderen Schmetterling, einen seltenen Käfer, ein Fangnetz oder ein antiquarisches Nachschlagewerk.

Zunächst wurde das Geschäft von Winklers Sohn geführt, und seit 1980 ist seine Enkelin, Hildegard Winkler, die Inhaberin. Im Inneren des Ladens herrscht eine besondere Atmosphäre. Große Holzschränke, einige davon noch aus dem Jahr 1906, stehen dicht an dicht. Sie beherbergen über 1000 Schmetterlinge und Käfer aus der ganzen Welt.

Über den Schränken befinden sich Vitrinen, die ebenfalls mit Schmetterlingen, riesigen Gottesanbeterinnen und gigantischen Hirschkäfern geschmückt sind. Zubehör für Sammler und Fachliteratur ergänzen das Sortiment. Das Geschäft ist definitiv nicht gewöhnlich, denn hier ist alles den Insekten gewidmet; selbst am Lampenschirm, der im Hauptverkaufsraum hängt, sind drei künstliche Schmetterlinge angebracht.

Die Geschichte des Geschäfts

Anfang des 20. Jahrhunderts, als Albert Winkler sein Unternehmen gründete, war das Sammeln von Schmetterlingen und Käfern sehr beliebt. Seit die Entomologie im 18. Jahrhundert zu einer eigenständigen Wissenschaft wurde, entwickelte sich das Insektensammeln zu einer prestigeträchtigen Beschäftigung für Menschen aller Klassen.

Albert liebte es seit seiner Kindheit, Totengräberkäfer zu sammeln. Später machte er sein Hobby zum Beruf, obwohl er eigentlich die Malerwerkstatt seines Vaters hätte übernehmen sollen. Nach dem frühen Tod seines Vaters verkaufte Winkler den elterlichen Betrieb, mietete die heutigen Räumlichkeiten in der Dittesgasse und gründete zusammen mit seinem Freund Fritz Wagner das „Winkler & Wagner. Naturhistorisches Institut und Buchhandlung für Naturwissenschaften“.

Das Geschäft mit Insekten, Zubehör und Literatur begann sehr schnell zu florieren. Anfangs arbeiteten die Eigentümer alleine, doch schon bald mussten sie Personal einstellen.

Im Laden wird noch immer ein großer Katalog aus dem Jahr 1911 aufbewahrt, in dem die Portokosten für den Versand der Waren in verschiedene Länder aufgeführt sind.

Im Sortiment des Geschäfts befanden sich auch Geräte, die Winkler und Fritz selbst herstellten. Zum Beispiel eine siebartige Vorrichtung, die bei Expeditionen zur Bodenanalyse verwendet wurde und eine schnelle und effiziente Auswahl von Käfern ermöglichte. Dieses Gerät ist unter Entomologen als der „Winkler-Apparat“ bekannt und ähnelt einer großen Laterne.

Entwicklung des Familienunternehmens

Ab 1924 führte Albert Winkler das expandierende Geschäft alleine weiter und arbeitete gleichzeitig an der Veröffentlichung des „Catalogus Coleopterorum Regionis Palaearcticae“. Darüber hinaus unternahm er viele Reisen, auf denen er Käfersammlungen für die Erstellung einer 2500-seitigen Taxonomie der Käferfauna der gemäßigten Klimazonen Europas und Asiens zusammentrug.

Einige von Winklers Sammlungen bilden heute eine sehr wichtige Handelsgrundlage für das Geschäft, andere gelangten ins Naturhistorische Museum Wien. Der „Catalogus“ selbst galt jahrzehntelang als Standardwerk und wurde seit 1980 regelmäßig in Österreich und im Ausland bestellt.

Die Blütezeit des Geschäfts endete nach dem Zweiten Weltkrieg. Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit kaufte niemand die Waren im Laden.

Im Jahr 1950 begannen die Verkäufe wieder zu steigen. Ab 1960 ging die Kundschaft des Geschäfts jedoch erneut zurück. Strenge Naturschutzauflagen führten zu einem Rückgang des Interesses an der Entomologie, und das Sammeln verlor an Attraktivität.

Im Jahr 1980 stand der Verkauf des Geschäfts zur Debatte, doch Hildegard Winkler entschied sich, das Erbe ihres Großvaters fortzuführen. Sie begann mit der Herstellung von Geräten, erweiterte das Literaturangebot und baute den Online-Verkauf auf.

Das Vorhaben gelang, und die Menschen begannen wieder aktiv einzukaufen. Waren früher Wissenschaftler die Hauptkunden des Geschäfts, so wird es in letzter Zeit immer häufiger von Künstlern und Menschen besucht, die ihren Lieben etwas Ungewöhnliches schenken möchten.

Stand 2023 ist das Geschäft weiterhin in Betrieb und entwickelt sich erfolgreich weiter.

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